Max Vallain · Kurzgeschichte
Drei Flaschen
Beim dritten Bier war der Nachmittag nicht mehr zu retten.
Es war Freitag, kurz nach vier. Hamburg lag in diesem gedämpften Licht, das jede Entscheidung auf später verschob. Über dem Schanzenpark stand der alte Wasserturm, aus Backstein in den Himmel gemauert. Früher hatte er Wasser getragen. Jetzt trug er Gäste, gebügelte Hemden und Kreditkarten. Aus dem Wasserspeicher war ein Hotel geworden, mit Zimmern und Ausblick.
Er saß auf einer Bank unterhalb des Turms, die Füße im Kies, die dritte Astraflasche neben sich, in der Hand noch den Geruch von Falafel, Sesam und eingelegtem Gemüse. Das Brötchen hatte er am Kiosk gekauft, irgendwo auf dem Abschnitt der Schanzenstraße, den die Leute hier Falafelstrich nannten. Zusammen mit drei Bieren. Nicht aus Absicht. Drei waren dort im Angebot gewesen, oder er hatte es sich so eingeredet.
Drei Jahre.
So lange war er mit Lara zusammen gewesen. Drei Jahre, eine Wohnung, ein gemeinsames Regal. Ein verlorener Schlüssel, zwei Sommerurlaube, ein Streit in der Küche, den er immer wieder anders erinnerte.
Drei Jahre reichten, damit aus Nähe eine Gewohnheit wurde.
Sie sagte, sie könne das so nicht weiter, und hatte den Satz in den Raum gestellt wie eine Tasche, die abgeholt werden musste.
Er hatte genickt.
Das war sein Beitrag gewesen.
Jetzt saß er hier, unter dem Turm, mit Bier und Brot im Bauch, und dachte über Kapitalismus nach, weil Kapitalismus leichter zu betrachten war als Schuld.
Der Schanzenpark stieg sanft an. Auf der Wiese lagen Gruppen mit Decken, Beuteln, Lautsprechern, umringt von Fahrrädern. Jemand lachte sehr hell. Ein Hund jagte einer Frisbee hinterher und verlor mitten im Lauf das Interesse. Am Weg stand ein roter Mülleimer der Stadtreinigung Hamburg. Dieses satte, heitere Rot, das Entsorgung nach guter Laune aussehen ließ. Auf dem weißen Aufkleber stand in schwarzer Schrift:
Gib mir den Rest.
Das war Hamburg, dachte er. Ein Mülleimer mit Humor. Eine Stadt, die einem sogar beim Wegwerfen noch ein Schulterklopfen gab. Man hatte bezahlt, also durfte man abgeben. Steuern, Gebühren, Pfand. Jeder Handgriff verschwand in einem System, das versprach, sich zu kümmern.
Er sah zum Wasserturm hinauf. Ein Hotel im Bauch eines alten Wasserspeichers, während unten Leute durch die Schanze liefen, die sich Proberäume wünschten, Werkstätten, Orte ohne Verzehrpflicht.
Er hörte die Einwände schon beim Denken. Arbeitsplätze. Erhalt durch Nutzung. Man musste alte Gebäude irgendwie retten. Man konnte sie nicht einfach Menschen mit schlechten Frisuren und guten Absichten überlassen, die darin Plena abhielten und über fehlende Kulturförderung stritten.
Er trank.
Das Bier war warm geworden. Das Falafelbrötchen lag schwer im Magen. Er rieb sich mit dem Daumen über die Fingerkuppen, als könne er den Geruch dort herausstreichen. In seinem Kopf entstanden Sätze, die er Lara gern gesagt hätte, als sie noch zuhörte.
Dass Nähe Arbeit sei.
Dass Freiheit manchmal Feigheit heiße.
Dass er manchmal einfach nur ihre Hand gehalten hatte, ohne zu wissen warum.
Dass er noch nicht fertig gewesen sei.
Aber fertig war niemand. Dinge endeten trotzdem.
Ein Mann kam von links. Schmal, eine dunkle Jacke, obwohl es mild war, und eine ausgebeulte Tragetasche über der Schulter, deren Nähte nachgaben. Er ging gemächlich, blieb an jedem Mülleimer stehen, sah durch die Öffnung, griff hinein, tastete, hob den Blick, ging weiter.
Flaschensammler, dachte der Mann auf der Bank. Das Wort war schneller als das Gesicht. Es ordnete, bevor der andere ankam. Er schämte sich und sah genauer hin, als könne Genauigkeit den ersten Begriff zurücknehmen.
Der Flaschensammler hatte graue Bartstoppeln, die ungleich wuchsen. Seine Augen wirkten klein hinter den Lidern. Erst als er näher kam, sah der Mann auf der Bank den Aufdruck auf seiner Jacke: Hamburg Wasser. Die Buchstaben waren ausgeblichen. Am rechten Handgelenk ein heller Streifen Haut. Dort hatte früher eine Uhr gesessen.
Er trat an den roten Mülleimer.
Gib mir den Rest.
Der Flaschensammler beugte sich vor. Er sah hinein, ohne Würde zu verlieren. Das fiel auf. Es war keine Gier in der Bewegung, keine Hast, kein heimliches Wühlen. Es war Arbeit. Prüfung. Inventur. Er steckte zwei Finger in die Öffnung, bewegte etwas, zog die Hand zurück.
Nichts.
Für einen Moment blieb sein Gesicht offen. Dann Berechnung. Die kleine, geübte Form der Enttäuschung. Eine weitere Summe, die nicht aufging. Ein Betrag, der im Kopf abgezogen wurde. Acht Cent? Fünfundzwanzig? Er wusste es nicht. Der Flaschensammler wusste es genau.
Dann zog er weiter.
Der Mann auf der Bank sah ihm nach, bis die Tragetasche zwischen zwei Gruppen auf der Wiese verschwand. Hamburg Wasser, dachte er, und sah zum Turm hinauf, der auch einmal Wasser getragen hatte. Er spürte einen Druck im Bauch. Es konnte vom Bier kommen. Es konnte von der kurzen Erkenntnis kommen, dass Pfand nur dort Nebensache war, wo niemand davon abhing.
Er nahm seine zweite leere Flasche, die neben seinem Schuh stand, und betrachtete sie. Pfand. Glas. Restwert. Selbst die Leere hatte einen Preis.
Er stellte sie unter die Bank.
Dann kam ein Paar, von der anderen Seite. Beide Mitte Zwanzig oder jünger. Der Mann trug ein offenes Hemd über einem T-Shirt, kurze Haare, Bart, Sonnenbrille im Haar. In der rechten Hand hielt er eine Bierflasche. Er ging mit diesem breiten, nach vorn fallenden Schritt, den Alkohol Männern gab, wenn sie sich entspannter fanden, als sie waren.
Die Frau neben ihm hatte dunkle Haare, die sie sich immer wieder hinter das Ohr strich. Sie trug ein Sommerkleid unter einer Jeansjacke, weiße Sneaker, einen kleinen Beutel über der Schulter. Ihre Wangen waren gerötet. Sie lachte, aber ihr Lachen setzte zu spät ein. Er kannte diesen Abstand. Man lachte, weil der andere lachte. Man blieb nah, weil ein ehrlicher Satz mehr gekostet hätte.
Der Junge legte ihr den Arm um die Schultern.
Sie ließ es zu.
Dann hob sie die Schulter leicht. Sein Arm rutschte ab. Er sagte etwas, sie lachte wieder, diesmal kürzer. Er berührte sie am Rücken, knapp oberhalb der Hüfte. Sie ging einen Schritt schneller. Er zog nach. Sie verlangsamte. Sie kam näher, wenn er sprach. Sie wich aus, wenn seine Hand zu sicher wurde.
Dieses Hin und Her. Man traf keine Entscheidung und nannte es Offenheit.
Der Junge trank den letzten Schluck aus seiner Flasche. Dann warf er sie im Vorbeigehen in den roten Mülleimer. Glas schlug dumpf gegen Metall.
Er zuckte innerlich zusammen, sah sofort den Flaschensammler vor sich, die leere Hand, die Enttäuschung im Gesicht. Der junge Mann hatte die Flasche versenkt, dem System übergeben.
Das Paar ging weiter.
Drei Schritte.
Dann blieb der Junge stehen, sagte etwas. Die Frau sah ihn an. Er drehte sich um, ging zurück zum Mülleimer, griff hinein, holte die Flasche wieder heraus. Er stellte sie neben den Eimer.
Der Mann spürte, wie sich in ihm sofort ein Urteil bildete.
Aha.
Der Junge hatte die Szene verstanden. Oder er hatte sich selbst ertappt. Oder er hatte den Blick der Frau gespürt. Eine kleine Korrektur, im richtigen Augenblick. Eine Flasche neben einem Eimer, und aus einem Betrunkenen wurde ein Mann mit Bewusstsein.
Die Frau sah ihm dabei zu.
Als er wieder zu ihr kam, lächelte sie weicher. Sie griff nach seiner Hand, ihre Finger legten sich zwischen seine. Er wirkte einen Moment überrascht, dann stolz.
Dann gingen sie weiter, schwankend, und sie zog seinen Arm um ihre Taille.
Der Mann blieb auf der Bank zurück.
Die Szene störte ihn.
Weil sie schön war.
Eine Flasche neben einem Eimer, die Begehren auslöste. Fürsorge, Pose und Zufall fielen ineinander. Der Grund spielte plötzlich keine Hauptrolle mehr. Am Ende stand eine Flasche dort, wo sie gefunden werden konnte.
Er trank weiter.
Das dritte Bier war nun halb leer. Drei Jahre. Drei Biere. Drei Schritte, bevor der Junge umkehrte. Er sah zum roten Eimer. Die Flasche stand daneben, braungrün, mit feuchtem Hals, im Licht.
Irgendwie musste noch jemand kommen.
Gib mir den Rest.
Der Satz auf dem Eimer hatte seinen Ton verändert. Er klang nun weniger nach Humor. Mehr nach Bitte.
Dann kam der alte Mann, vom Weg, der am Hang entlang führte. Mitte siebzig. Er trug eine helle Jacke, eine graue Hose mit Bügelfalte, braune Lederschuhe, deren Spitzen stumpf glänzten. Sein Haar war weiß, kurz und ordentlich. In der linken Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitung. Er ging langsam, aber ohne das vorsichtige Zögern sehr alter Menschen. Er setzte die Füße, als kenne er den Weg.
Der Mann auf der Bank sah ihn und wusste sofort, was jetzt kommen sollte.
Der Alte würde die Flasche sehen, sich bücken, das Pfand mitnehmen. Der Kreislauf würde sich schließen. Die Szene ihre soziale Rundung bekommen.
Der Alte blieb vor dem Mülleimer stehen und beachtete die Flasche zunächst nicht. Er las den Aufkleber.
Gib mir den Rest.
Sein Mund bewegte sich, als läse er den Satz. Dann fiel sein Blick auf die Flasche. Er bückte sich mit Mühe, hob sie auf, hielt sie kurz in der Hand.
Der Mann auf der Bank blinzelte. Die Sonne lag schräg, das Bier lag schwer, und als sein Blick wieder zum Alten fand, stand der nicht mehr ganz in der Wirklichkeit. Es öffnete sich eine Tür, und der Alte trat hindurch. Er bekam eine Stimme, obwohl er schwieg.
Der Alte sah den Park nicht als Grünfläche mit Studenten, Hunden, Lautsprechern und ironischen Mülleimern. Er sah Wege, die schwerer waren.
Hinter den Schienen des Schanzenbahnhofs, keine zweihundert Meter vom Turm, hatten die Schlachthöfe gelegen. Männer mit fleckigen Kitteln. Blutgeruch, Fett. Menschen, die nicht über Selbstverwirklichung sprachen, weil die Miete kein Gespräch zuließ.
Er sah es mit. Oder er erfand es.
Der Alte drehte die Flasche. Früher war hier Arbeit. Die Leute dachten an Lohn, Essen, Kinder, Schuhe für den Winter. Am Freitag wurde getrunken, weil der Körper stillgelegt werden musste. Heute trinken sie, weil sie Zeit haben.
Er sah hinüber zu den Wiesen. Eine Gruppe junger Leute saß im Gras. Jemand öffnete eine Dose. Ein Mädchen lag auf dem Rücken und hielt ein Buch über dem Gesicht. Jemand übte auf einer Slackline zwischen zwei Bäumen und fiel alle drei Sekunden herunter. Zwei Frauen küssten sich neben einem Fahrradkorb voller Erdbeeren.
Der Alte in seinem Kopf sah das alles und verurteilte es nicht.
Er hatte erwartet, dass diese alte Gestalt mit ihm gegen die Gegenwart stehen würde. Gegen das Hotel im Turm. Gegen die Schanze als Kulisse. Gegen die Umwandlung von Not in Freizeit, von Geschichte in Ambiente, von Arbeiterviertel in Ausgehgebiet.
Aber der Alte in ihm lächelte.
Gut, dachte dieser erfundene Alte. Sollen sie doch liegen. Sollen sie trinken. Sollen sie küssen, wen sie wollen. Sollen sie Dinge essen, deren Namen ich nicht kenne. Ein Nachmittag, mit dem man nichts anfängt, ist besser als ein Abend, den man sich nicht leisten kann.
Der Mann auf der Bank setzte die Flasche an und trank. Warmes Bier, bitter und schal.
Der Alte sah zum Wasserturm hinauf. Von der Bank aus folgte er seinem Blick. Der Turm stand über dem Park, als sei er immer schon zu groß für jede Nutzung gewesen. Früher Versorgung, jetzt Hotel. Er hatte diesen Gedanken vorhin so sicher gefunden. Eine klare Linie: Gemeinwohl, Verwertung, Kapital. Doch die Phantasie des alten Mannes legte eine zweite Linie daneben.
Früher war Wasser drin, dachte der Alte. Heute schlafen Leute darin. Dazwischen hätte man ihn auch verrotten lassen können.
Der Mann auf der Bank widersprach ihm innerlich. Kulturzentrum, dachte er. Stadtteilhaus. Räume. Ausstellungen. Musik.
Der Alte in seinem Kopf schnaubte leise.
Kultur braucht auch Heizungen, Junge.
Er musste lachen. Eine Frau auf der Wiese sah zu ihm herüber, dann wieder weg.
Der Rentner warf die Flasche nicht in den Mülleimer. Er stellte sie auch nicht genau dorthin zurück, wo der junge Mann sie abgestellt hatte. Er nahm sie und platzierte sie etwas weiter neben den roten Behälter, mit dem Etikett zum Weg. Er richtete sie sogar mit zwei Fingern aus. Der Junge war umgekehrt, weil jemand ihn sah. Der Alte stellte die Flasche so hin, dass jemand anders sie finden konnte.
In seiner Phantasie dachte der Alte: Der Junge war betrunken. Aber er hat etwas begriffen. Reicht doch für einen Freitag.
Er sah den Weg hinunter, auf dem das Paar verschwunden war. Er erinnerte sich an ihren Kuss. An ihre Hand in seiner Hand. An das kurze Aufleuchten von Zustimmung in ihrem Gesicht. Er hatte das sofort verachtet, weil es käuflich wirkte, billig, ein moralischer Pfandbon für körperliche Nähe.
Aber vielleicht hatte sie nur gesehen, dass der junge Mann in der Lage war, umzukehren.
Umkehren.
Drei Schritte.
Dann zurück.
Der Gedanke traf ihn, weil er mit Lara nie umgekehrt war. Er war geblieben, wo er stand. In Sätzen. In Haltungen. In diesem ruhigen Nicken, das er für Reife gehalten hatte. Sie hatte gesagt, sie könne so nicht weiter, und er hatte nicht gefragt, wo genau dieses So begann. Er hatte nicht einmal seine Hand ausgestreckt. Er hatte nur Raum gelassen. Raum konnte auch Kälte sein.
Der Rentner stand noch immer am Mülleimer. Vielleicht dauerte alles nur wenige Sekunden. Für den Mann auf der Bank dehnte sich die Szene aus, bis sie den ganzen Park enthielt.
Der Alte sah aus wie jemand, der lange genug gelebt hatte, um sich von eindeutigen Urteilen zu erholen. Gegen eindeutige Gegner konnte man denken. Gegen milde Erfahrung kam man schlechter an.
Er gab ihm weiter Gedanken.
Die da oben im Hotel, dachte der Alte, sollen schlafen. Die da unten im Park sollen trinken. Die mit den Taschen sollen sammeln. Die Stadt war nie gerecht. Früher sah sie nur dreckiger aus.
Er wollte diesen Satz ablehnen. Er schmeckte nach Resignation. Aber er konnte ihn nicht ganz loswerden. Die alte Schanze, die er romantisierte, hatte es in seiner Erinnerung nur als Widerstand gegeben, als Plakat, als Mythos, als Geruch von Kaffee, Bier und Rauch. Er hatte keine zwölf Stunden im Schlachthof gestanden. Er hatte nie einen Körper besessen, der zuerst Werkzeug war und dann erst Person.
Er hatte einen Laptop. Einen Beruf. Ein Konto. Eine Trennung.
Er konnte eine Berührung analysieren, während sie geschah. Er konnte eine leere Flasche in ein System verwandeln.
Der Rentner klopfte mit der zusammengerollten Zeitung gegen den Mülleimer. Ein metallischer Ton. Dann ging er weiter.
Der Mann auf der Bank sah ihm nach und hätte gern gewusst, was der alte Mann wirklich dachte. Vielleicht an einen Arzttermin, seine tote Frau, eine Schlagzeile aus der Zeitung unter seinem Arm.
Aber der Gedanke war nun da.
Er sah auf seine eigenen Flaschen.
Eine stand leer neben seinem Schuh. Eine unter der Bank. Die dritte hielt er in der Hand. Drei Biere. Drei Reste. Drei kleine Beweise gegen ihn.
Er nahm die Flasche unter der Bank hervor. Der Kies knirschte, als er sich vorbeugte. Für einen Moment wurde ihm schwindelig. Der Wasserturm schwankte kaum merklich, oder der Himmel dahinter. Er stellte alle drei Flaschen nebeneinander auf den Boden.
Das sah albern aus.
Wie ein Denkmal.
Er musste wieder lachen, diesmal leiser.
Der rote Mülleimer stand zehn Meter entfernt. Die Flasche des jungen Mannes wartete daneben, sorgfältig ausgerichtet vom alten Mann. Er hätte seine drei Flaschen dazustellen können. Eine kleine soziale Geste. Er hätte sie in den Mülleimer werfen können. Verantwortung an die Stadt, wie vorgesehen. Er hätte sie stehen lassen können. Die ehrlichste Form seiner bisherigen Haltung.
Stattdessen nahm er zwei Flaschen in die linke Hand, eine in die rechte, und stand auf.
Der Park schwankte jetzt deutlicher. Die Welt an den Rändern war weich geworden. Er ging den Weg hinunter, in die Richtung, in die der Flaschensammler verschwunden war. Gleich beim Sportplatz saß er, am Rand einer niedrigen Mauer, die Tragetasche zwischen den Knien.
Der Mann blieb vor ihm stehen.
Der Flaschensammler hob den Blick.
Einen Moment lang wusste er nicht, was er sagen sollte. Jede Formulierung klang falsch. Hier. Zu knapp. Können Sie die brauchen? Zu fürsorglich. Ich hab da noch Pfand. Zu erklärend. Alles machte aus drei Flaschen eine Szene.
Also streckte er sie nur hin.
Der Flaschensammler sah auf die Flaschen, dann auf ihn. Er nahm sie ohne Umstände. „Danke", sagte er mit rauer Stimme.
Er nickte. Mehr brachte er nicht zustande.
Als er zurück zur Bank ging, war da nur noch der rote Mülleimer.
Gib mir den Rest.
Daneben stand die Flasche des Jungen.
Er blieb stehen. Er nahm sie, drehte sich noch einmal um und ging den Weg zurück.
Auf halbem Weg dachte er an Lara. Nicht an den letzten Satz. Nicht an die drei Jahre als verlorene Einheit. Sondern an einen Abend im ersten Winter, als sie im Dunkeln nach Hause gegangen waren und sie ihm ihre kalte Hand in die Jackentasche geschoben hatte, ohne etwas zu sagen.
Damals hatte er nicht darüber nachgedacht.
Er hatte ihre Hand genommen.
Der Flaschensammler sah erstaunt auf, als er noch einmal vor ihm stand. Er gab ihm die vierte Flasche. Diesmal sagte er:
„Die stand noch da."
Der Flaschensammler nahm sie.
„Stehen viele noch da", sagte er.
Der Satz blieb zwischen ihnen, einfach und schwer.
Als er zur Bank zurückkam, sah er ein letztes Mal zum Wasserturm hinauf. Das Hotel glänzte in der Nachmittagssonne. Unten roch der Park nach Gras und Bier. Ein Hund bellte.
Er setzte sich.
Auf der Bank lag noch die Serviette vom Falafelbrötchen. Fettfleck, Sesamkrümel, ein Streifen Rotkohl. Er nahm sie, faltete sie einmal, dann noch einmal, stand auf und warf sie in den Mülleimer.
Sie fiel geräuschlos hinein.
Gib mir den Rest, dachte er.