Max Vallain · Kurzgeschichte
Drei Flaschen
Beim dritten Bier war der Nachmittag nicht mehr zu retten.
Es war Freitag, kurz nach vier. Hamburg lag in diesem gedämpften Licht, das jede Entscheidung auf später verschob. Über dem Schanzenpark stand der alte Wasserturm, aus Backstein in den Himmel gemauert. Früher hatte er Wasser getragen. Jetzt trug er Gäste, gebügelte Hemden und Kreditkarten.
Er saß auf einer Bank unterhalb des Turms, die Füße im Kies, die dritte Astraflasche neben sich, in der Hand noch den Geruch von Falafel, Sesam und eingelegtem Gemüse. Das Brötchen hatte er am Kiosk gekauft, auf dem Abschnitt der Schanzenstraße, den die Leute hier Falafelstrich nannten. Zusammen mit drei Bieren. Drei waren dort im Angebot gewesen, oder er hatte es sich so eingeredet.
Drei Jahre.
So lange war er mit Lara zusammen gewesen. Drei Jahre, eine Wohnung, ein gemeinsames Regal. Ein verlorener Schlüssel, zwei Sommerurlaube, ein Streit in der Küche, den er immer wieder anders erinnerte.
Es war im Frühjahr gewesen. Lara hatte ein Angebot aus Wien bekommen, die Stelle, auf die sie lange gewartet hatte. Sie legte den Brief auf den Küchentisch und fragte: Kommst du mit?
Er sagte, das müsse man in Ruhe überlegen. Am selben Abend legte er auf dem Laptop eine Liste an, zwei Spalten. Mieten, Arbeit, Freunde, die Entfernung zu seiner Mutter. Jeden Abend kam etwas dazu. Lara wartete drei Wochen auf seine Antwort. Als keine kam, sagte sie die Stelle ab, ohne es ihm zu sagen. Er merkte es an einem Termin, der aus ihrem gemeinsamen Kalender verschwunden war.
In seiner Erinnerung war das der Streit. Dabei hatten sie gar nicht gestritten. Die Liste war noch auf seinem Laptop.
Über Wien sprachen sie danach nicht mehr. Sie sprachen überhaupt weniger.
Vor vier Wochen hatte sie in der Küchentür gestanden, die Jacke schon an. Sie sagte, sie könne so nicht weiter, und stellte den Satz in den Raum wie eine Tasche, die abgeholt werden musste.
Er saß am Tisch, nickte und sah dabei auf seine Hände, bis die Wohnungstür ins Schloss fiel. Das war sein Beitrag gewesen.
Jetzt saß er hier, unter dem Turm, mit Bier und Brot im Bauch, und dachte über Kapitalismus nach, weil sich Kapitalismus leichter betrachten ließ als die Antwort, die er Lara schuldig geblieben war.
Der Schanzenpark stieg sanft an. Auf der Wiese lagen Gruppen mit Decken und Lautsprechern. Am Weg stand ein roter Mülleimer der Stadtreinigung Hamburg, in diesem satten, heiteren Rot, das Entsorgung nach guter Laune aussehen ließ. Auf dem weißen Aufkleber stand in schwarzer Schrift:
Gib mir den Rest.
Das war Hamburg, dachte er. Eine Stadt, die einem beim Wegwerfen noch auf die Schulter klopfte. Lara hatte ihm den Aufkleber im ersten Sommer als Foto geschickt, mit drei Herzen. Er wusste nicht mehr, was er geantwortet hatte.
Er trank. Das Bier war warm geworden. In seinem Kopf entstanden Sätze, die er Lara gern gesagt hätte, als sie noch zuhörte. Dass Nähe Arbeit sei und Freiheit manchmal Feigheit. Dass er oft ihre Hand gehalten habe, ohne zu wissen, warum. Und dass er noch nicht fertig gewesen sei. Aber fertig war niemand. Dinge endeten trotzdem.
Ein Mann kam von links. Schmal, eine dunkle Jacke, obwohl es mild war, über der Schulter eine ausgebeulte Tragetasche, deren Nähte nachgaben. Er blieb an jedem Mülleimer stehen, sah hinein, griff hinein, ging weiter.
Flaschensammler, dachte der Mann auf der Bank. Das Wort war schneller als das Gesicht. Er schämte sich und sah genauer hin, als könne Genauigkeit den ersten Begriff zurücknehmen.
Der Flaschensammler hatte graue Bartstoppeln, die ungleich wuchsen. Auf seiner Jacke stand, ausgeblichen, Hamburg Wasser. Am rechten Handgelenk ein heller Streifen Haut.
Er trat an den roten Mülleimer, beugte sich vor und sah hinein, ohne Hast, wie bei einer Inventur. Zwei Finger in die Öffnung, ein kurzes Tasten.
Nichts.
Für einen Moment blieb sein Gesicht offen. Dann schloss es sich wieder. Acht Cent? Fünfundzwanzig? Er wusste es nicht. Der Flaschensammler wusste es genau. Dann zog er weiter.
Neben dem Schuh stand die zweite Flasche, leer. Er hätte aufstehen und sie ihm hinterhertragen können. Er sah ihm nach, bis die Tragetasche hinter einer Gruppe auf der Wiese verschwunden war. Hamburg Wasser, dachte er, und sah zum Turm hinauf. Er spürte einen Druck im Bauch.
Er stellte die Flasche unter die Bank und blieb sitzen. Darin war er gut.
Ein Paar kam von der anderen Seite, beide Mitte zwanzig oder jünger. Der Junge trug ein offenes Hemd, die Sonnenbrille im Haar, in der rechten Hand eine Bierflasche. Er ging mit breiten, nach vorn fallenden Schritten.
Die Frau neben ihm strich sich immer wieder die dunklen Haare hinter das Ohr. Ihre Wangen waren gerötet. Sie lachte, nachdem er gelacht hatte.
Lara hatte im letzten Winter auch so gelacht, beim Essen mit seiner Mutter.
Der Junge legte ihr den Arm um die Schultern. Sie hob die Schulter leicht, und sein Arm rutschte ab. Er sagte etwas, sie lachte wieder, diesmal kürzer. Als er nach ihrer Hüfte griff, ging sie einen Schritt schneller. Der Junge trank den letzten Schluck und warf die Flasche im Vorbeigehen in den roten Mülleimer. Glas schlug dumpf gegen Metall.
Der Mann auf der Bank zuckte zusammen und sah die leere Hand des Flaschensammlers vor sich.
Das Paar ging weiter.
Drei Schritte.
Dann blieb der Junge stehen. Die Frau sah ihn an. Er drehte sich um, ging zurück, griff in den Eimer und holte die Flasche wieder heraus. Er stellte sie neben den Eimer.
Aha, dachte der Mann auf der Bank. Der Junge hatte sich ertappt. Oder er hatte den Blick der Frau gespürt. Eine kleine Korrektur im richtigen Augenblick, und aus einem Betrunkenen wurde ein Mann mit Bewusstsein.
Als der Junge wieder bei ihr war, lächelte sie, diesmal sofort. Sie griff nach seiner Hand. Er wirkte überrascht, dann stolz. Dann gingen sie weiter, schwankend, und sie zog seinen Arm um ihre Taille.
Er blieb auf der Bank zurück.
Die Szene störte ihn.
Weil sie schön war.
Er trank. Das dritte Bier war halb leer. Drei Jahre, drei Biere, drei Schritte, bevor der Junge umkehrte. Die Flasche stand neben dem Eimer, braungrün, im Licht.
Gib mir den Rest.
Der Satz klang nun weniger nach Humor. Mehr nach Bitte.
Dann kam ein alter Mann den Weg am Hang entlang. Mitte siebzig, Hose mit Bügelfalte, eine zusammengerollte Zeitung in der Hand. Er ging langsam, als kenne er den Weg.
Der Mann auf der Bank glaubte sofort zu wissen, wie es weitergehen würde: Der alte Mann sieht die Flasche, bückt sich und steckt das Pfand ein. Die Szene bekommt ihre soziale Rundung.
Der alte Mann blieb vor dem Mülleimer stehen und las den Aufkleber. Sein Mund bewegte sich mit. Dann bückte er sich mit Mühe und hob die Flasche auf.
Er steckte sie nicht ein. Er stellte sie wieder hin, ein Stück weiter vom Eimer weg, das Etikett zum Weg, und richtete sie mit zwei Fingern aus. Der Junge war umgekehrt, weil jemand ihn sah. Der alte Mann stellte die Flasche so hin, dass jemand anders sie finden konnte.
Der Mann auf der Bank hatte zu viel getrunken, um es dabei zu belassen. Er fing an, sich auszudenken, was der alte Mann dachte, und gab ihm eine Stimme. Eine trockene, wie die seines Großvaters.
Der Junge war betrunken, sagte die Stimme in seinem Kopf. Aber er ist umgekehrt. Reicht doch für einen Freitag.
Im Stillen widersprach er dem Alten: Die Frau hat ihn doch nur für eine Geste belohnt. Ein moralischer Pfandbon für körperliche Nähe.
Die Stimme schnaubte: Die hat nicht die Flasche gesehen, Junge. Die hat gesehen, dass er umdrehen kann.
Der alte Mann klopfte mit der Zeitung gegen den Mülleimer, ein metallischer Ton, und ging weiter. Wahrscheinlich dachte er an einen Arzttermin, an die Schlagzeile unter seinem Arm.
Der Mann auf der Bank wusste, dass die Stimme seine eigene gewesen war. Aber der Gedanke war nun da.
Umkehren.
Er war bei Lara nie umgekehrt. Er war geblieben, wo er stand. Bei seiner Liste. In diesem ruhigen Nicken, das er für Reife gehalten hatte. Sie hatte gesagt, sie könne so nicht weiter, und er hatte nicht gefragt, wo genau dieses So begann. Dabei wusste er es. Es hatte am Küchentisch begonnen, mit einem Brief aus Wien. Er hatte nicht einmal die Hand nach ihr ausgestreckt, nur Raum gelassen.
Er hatte einen Laptop. Einen Beruf. Ein Konto. Eine Trennung. Er konnte eine Krise betrachten, bis sie sich allein entschied.
Die erste Flasche lag im Kies, die zweite stand unter der Bank. Er trank den Rest aus und stellte alle drei nebeneinander auf den Boden.
Das sah albern aus.
Wie ein Denkmal.
Er hätte sie neben den Eimer stellen können, zu der Flasche des Jungen. Sie einwerfen können, wie vorgesehen. Oder stehen lassen. Das hätte am besten zu ihm gepasst.
Stattdessen nahm er zwei Flaschen in die linke Hand, eine in die rechte, und stand auf.
Der Park schwankte, als er den Weg hinunterging, in die Richtung, in die der Flaschensammler verschwunden war. Beim Sportplatz fand er ihn. Der Flaschensammler saß auf einer niedrigen Mauer, die Tragetasche zwischen den Knien, und hob den Blick.
Jede Formulierung klang falsch. „Hier.“ Zu knapp. „Können Sie die brauchen?“ Zu fürsorglich. „Ich hab da noch Pfand.“ Zu erklärend. Also streckte er die Flaschen nur hin.
Der Flaschensammler nahm sie ohne Umstände. „Danke“, sagte er mit rauer Stimme.
Er nickte.
Auf dem Rückweg kam er am roten Mülleimer vorbei. Daneben stand noch die Flasche des Jungen, das Etikett zum Weg.
Er blieb stehen. Er nahm sie, drehte sich um und ging den Weg zurück.
Auf halbem Weg dachte er an Lara. An einen Abend im ersten Winter, als sie im Dunkeln nach Hause gegangen waren und sie ihm ihre kalte Hand in die Jackentasche geschoben hatte, ohne etwas zu sagen.
Damals hatte er nicht darüber nachgedacht.
Er hatte ihre Hand genommen.
Der Flaschensammler sah erstaunt auf, als er noch einmal vor ihm stand. Er gab ihm die vierte Flasche.
„Die stand noch da.“
Der Flaschensammler nahm sie. „Stehen viele noch da“, sagte er.
Auf dem Weg zur Bank zog er das Handy aus der Tasche. Laras letzte Nachricht war vier Wochen alt. Sie betraf den Briefkastenschlüssel.
Er tippte: Hast du kurz Zeit?
Er schickte es ab, bevor er eine zweite Spalte aufmachen konnte.
Auf der Bank lag noch die Serviette vom Falafelbrötchen. Fettfleck, Sesamkrümel, ein Streifen Rotkohl. Er faltete sie einmal, dann noch einmal, ging hinüber und warf sie in den Mülleimer.
Sie fiel geräuschlos hinein.
Gib mir den Rest, dachte er.